Dienstag, 29. September 2009

Liesl Ujvary über "Die Freuden der Jagd"

10 Jahre arbeitete Ulrich Schlotmann an seiner grossen Prosa „Die Freuden der Jagd“. Hier wird eine reine Männerwelt geschildert (Frauen kommen nur ganz am Rande vor, etwa als Pornodarstellerin), deren Inszenierungen sich aus dem Paläolithikum offenbar relativ ungebrochen bis in die Gegenwart fortsetzen. Schlotmann beschreibt diese Welt nicht nur, er demaskiert und seziert sie bis ins Detail. Sehen wir es so: Die männliche Ideologie der altsteinzeitlichen Jäger und Sammler brachte nach und nach neben der Kriegskunst das Schmiedehandwerk, das Militär, die Hierarchie, den Gehorsam, die Homophobie und den religiösen Schuldkomplex hervor. In den „Freuden der Jagd“ beobachtet die Sprache diese Welt als Modulsystem von Texten, das sich in vielen Dimensionen realisiert, manche dieser Dimensionen deutlich sichtbar, manche eingefaltet und kaum kenntlich. Blitzartig spannen sich assoziative sprachliche Netze aus, springen von Metaebene zu Metaebene, alte, uralte, alttestamentliche Codes sind ebenso gegenwärtig wie moderne Sprach- und Medienkritik. Die eigenwillige, dichte Zeichensetzung verhilft dem Autor dazu, Links zu setzen auf verwandte Metaphern & Samples und so Bezugssysteme innerhalb von Bezugssystemen anzudeuten. Individuen treten hier nur als sprachliche Membrane auf, in denen sich eine Denk- oder Existenzhaltung momenthaft manifestiert, um gleich darauf in andere Formen, Schablonen oder Programme überzuwechseln und auf diese Art ein Panorama omnipräsenter Lebensstandards zu entwerfen.
Nun ja, moderne Prosa.

Nur herein!

endellheizkoerperverkleidung

(Heizkoerperverkleidung von August Endell für das Bunte Theater in der Köpenicker Straße, 1901)


"Und so bleibt uns schon nichts anderes übrig, als wenigstens die Form der Räume und ihre Aufeinanderfolge selber zu entwerfen. Schon unser äusseres Leben ist von dem früheren tausendfältig verschieden durch die andere Art unseres Verkehrs, des Geschäftslebens und nicht zum wenigsten unserer entwickelten Beleuchtung. Wichtiger sind: die gänzlich andere soziale Schichtung, das eigentümliche Tempo unseres Lebens und die grundverschiedene Art unserer Lebens-Bilanz und unseres Glückes. All das verlangt nach eigenem Ausdruck und es ist wahrlich besser, unbeholfen und ungeschickt dem eigenen Sehnen und Wünschen Ausdruck zu geben, als mit gestohlenen Formen Kunstfertigkeit vorzutäuschen, prahlerische Gebäude zu errichten, die durch ihre Verlogenheit nur von den traurigsten Eigenschaften unserer Zeit Kunde zu geben geeignet sind. Es hilft also nichts, wir brauchen wirklich neue Formen."

(Derselbe, im Aufsatz "Originalität und Tradition", 1902)

Bäume vor Wald

die Freuden der Jagd

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